DMD-Vermessung: Aligner und Schienen nach digitaler Kiefergelenksvermessung
Aligner werden am Computer geplant. Meist ordnet die Software Ober- und Unterkiefer dabei nach einer starren Standardbeziehung zu, die mit der echten Bewegung des Kiefers wenig zu tun hat. Mit der DMD-Vermessung lässt sich die individuelle Unterkieferbewegung aufzeichnen und in die Planung übernehmen. Dieser Beitrag erklärt, was die Messung leistet, wie die Daten in Set-up und Fertigung einfließen und was wir als Labor dafür von Ihrer Praxis brauchen.
Was ist die DMD-Vermessung?
DMD steht für Dental Motion Decoder. Das DMD-System des Herstellers Ignident ist ein Messsystem, das die Bewegungen des Unterkiefers im Magnetfeld dreidimensional aufzeichnet. Dazu werden zwei kleine Sensoren, sogenannte Marker Tools, vorübergehend okklusionsnah auf Zähne der gegenüberliegenden Kieferhälften geklebt, einer im Oberkiefer und einer im Unterkiefer. Ein Feldgenerator über dem Kopf baut das Magnetfeld auf, die Software zeichnet die Bewegung in allen drei Verschiebungs- und drei Drehrichtungen mit Zeitbezug auf.
Weil die Sensoren an den Zähnen sitzen, bleibt die dynamische Okklusion frei: Der Patient kann öffnen, schließen, vorschieben, seitwärts bewegen und kauen, ohne dass ein Gesichtsbogen oder Registrat im Weg ist. Nach der Aufzeichnung werden die Sensoren abgenommen und die Zahnreihen gescannt. Die Software führt Bewegung und Scan anschließend in einer festen Lagebeziehung zusammen. Im Alltag spricht man deshalb auch von digitaler Kiefergelenksvermessung, Jaw-Tracking oder digitaler Funktionsanalyse.
Was die Messung zeigt
Aus der Aufzeichnung lassen sich die Bewegungsbahnen der Kiefergelenke und die Kontakte der Zähne in der Bewegung ablesen. Für die Funktionsdiagnostik in der Praxis sind vor allem diese Punkte interessant:
- Screening der Kiefergelenksfunktion: Verlaufen die Bahnen symmetrisch, gleichmäßig und ausreichend lang, oder gibt es Abweichungen, Sprünge und Verkürzungen?
- Funktioneller Gelenkraum: Hat das Kiefergelenk in Schlussbisslage genügend Spielraum, ohne Röntgenstrahlung gemessen?
- Therapeutische Position: In welcher Lage stehen die Gelenke entlastet, und wo berühren sich die Zähne in dieser Lage zuerst?
- Individuelle Bewegungsachse: Um welche Achse schließt der Unterkiefer tatsächlich? Davon hängt ab, welche Zähne beim Zubeißen zuerst Kontakt bekommen.
Warum die Kieferbewegung in die Aligner-Planung gehört
Ein Aligner-Set-up legt fest, wo die Zähne am Ende stehen. Wird dabei nur eine starre „Best-Fit“-Zuordnung der Kiefer angenommen, kann der geplante Schlussbiss von der tatsächlichen Bewegung des Patienten abweichen. Schupp, Haubrich und Steinmaier beschreiben im Journal of Aligner Orthodontics (2023), dass eine solche Zuordnung die Gelenkköpfchen in der Planung nach hinten verschieben kann, in Richtung der empfindlichen bilaminären Zone. Darin sehen die Autoren ein mögliches Risiko für Kiefergelenkbeschwerden.
Mit den DMD-Daten wird das Set-up in einem virtuellen Artikulator geplant, der die echte Öffnungs- und Schließbewegung nachbildet. Die Planungssoftware zeigt dann, wo sich die Zähne beim Schluss um die individuelle Achse berühren, und die Zahnbewegungen lassen sich so staffeln, dass der Biss am Ende in einer entlastenden, stabilen Position abgestützt ist. Im publizierten Fall wurde dafür OnyxCeph mit dem Modul V.T.O.3D eingesetzt, dieselbe Software, in der unsere Aligner geplant werden.
Jaw-Tracking-Systeme gelten neben Intraoralscannern und computergestützter Okklusionsanalyse als eigene Gruppe digitaler Verfahren zur Erfassung der Okklusion (Revilla-León et al. 2023). Zur Reproduzierbarkeit des DMD-Systems liegen Messreihen vor: Goob et al. (2020) fanden die systembedingte Streuung im Modellversuch kleiner als die biologische Schwankung beim Menschen.
Mit oder ohne Kiefergelenkbeschwerden
Wie die Messung in die Planung eingeht, hängt vom Befund ab, den Ihre Praxis erhebt. Die Fachliteratur unterscheidet zwei Wege:
- Ohne Hinweis auf eine Kiefergelenkstörung: Geplant wird aus der gewohnten Bisslage heraus. Übernommen wird die individuelle Bewegungsbahn, damit die Endokklusion zur Bewegung des Patienten passt.
- Mit Kiefergelenkbeschwerden (CMD): Zuerst wird eine gesunde, entlastende Gelenkposition bestimmt, häufig mit einer Positionierungs- oder Okklusionsschiene als reversibler erster Schritt. Erst wenn diese Position stabil ist, wird die Zahnkorrektur mit Alignern darauf aufgebaut.
Die Schiene vor den Alignern
Bei CMD steht oft eine Schienentherapie am Anfang. Mit der DMD-Software lässt sich eine therapeutische Position festlegen und in fester Lagebeziehung zu den Kiefermodellen als Datensatz an das Labor übergeben. Bisher wurde die Schienenposition meist analog an artikulierten Modellen eingestellt; mit den Messdaten kommt die Position direkt aus der Aufzeichnung.
Für uns heißt das: Wir konstruieren die Positionierungsschiene in genau dieser Lage und fertigen sie im eigenen Labor. Ist die Gelenkposition nach der Schienenphase gesichert, kann die Alignerplanung von dort aus beginnen. Diagnose, Festlegung der Position und Kontrolle bleiben dabei immer bei Ihrer Praxis.
Der Weg Ihres Falls durch unser Labor
Bei MM Lab fertigen wir Aligner seit 2019 im eigenen Haus. Mit DMD-Daten läuft ein Fall so:
- Messung in der Praxis: Sie zeichnen die Unterkieferbewegung mit Ihrem DMD-System auf und scannen Ober- und Unterkiefer.
- Upload im Kundenportal: Sie laden Scans und DMD-Export am Auftrag hoch, auch als ganzen Ordner. Jede Datei wird vor der Ablage auf Schadsoftware geprüft.
- Planung im virtuellen Artikulator: Fachzahnärzte für Kieferorthopädie planen das Set-up in OnyxCeph unter Berücksichtigung der aufgezeichneten Bewegung.
- Fertigung: Wir drucken die Modelle jeder Behandlungsstufe im Resin-Verfahren, ziehen die Aligner im Druckformverfahren tief und arbeiten jede Schiene von Hand aus.
- Versand: Die fertigen Aligner gehen per Versand an Ihre Praxis, auf Wunsch mit Ihrem Praxislogo auf der Verpackung.
Was wir von Ihrer Praxis brauchen
Damit die Messung in der Planung ankommt, brauchen wir neben dem üblichen Aligner-Auftrag:
- Intraoralscans (STL) von Ober- und Unterkiefer, aufgenommen nach der DMD-Aufzeichnung
- Den Export der DMD-Aufzeichnung mit Bewegungsbahnen und Bezugsebene, so wie ihn die DMD-Software ausgibt
- Ihre Vorgabe, aus welcher Position geplant werden soll: gewohnte Bisslage oder therapeutische Position
- Befund und Behandlungsziel, bei CMD mit Angabe, ob eine Schienenphase vorausgegangen ist
- Fotos, falls vorhanden, und Besonderheiten wie geplante Attachments oder Zähne, die nicht bewegt werden sollen
Wo die Grenzen liegen
Die DMD-Vermessung ist ein Baustein der instrumentellen Funktionsanalyse, kein Ersatz für die klinische Untersuchung. Ob eine CMD vorliegt, ob Muskulatur, Gelenk oder Okklusion im Vordergrund stehen und ob zusätzlich Bildgebung wie DVT oder MRT nötig ist, entscheidet die behandelnde Praxis. Auch die beste Messung macht aus einem Aligner kein Allheilmittel: Wie sich Beschwerden entwickeln, ist von Patient zu Patient verschieden.
Was die Messung leistet, ist eine Planung auf der Grundlage der echten Bewegung statt einer Annahme. Für Fälle mit Funktionsbezug ist das aus unserer Sicht der entscheidende Unterschied.
Literatur
Die fachlichen Aussagen dieses Beitrags stützen sich auf diese Veröffentlichungen:
- Schupp W, Haubrich J, Steinmaier J (geb. Funke). The virtual articulator in aligner orthodontics. Journal of Aligner Orthodontics 2023; 7(4): 267–283.
- Schupp W, Haubrich J, Steinmaier J (geb. Funke). Der virtuelle Artikulator in der Aligner-Kieferorthopädie (Kurzfassung). Quintessenz Zahntechnik 2025; 51(10): 916–917.
- Goob J, et al. Reproducibility of a magnet-based jaw motion analysis system. International Journal of Computerized Dentistry 2020; 23(1): 39–48.
- Revilla-León M, Kois DE, Zeitler JM, Att W, Kois JC. An overview of the digital occlusion technologies: intraoral scanners, jaw tracking systems, and computerized occlusal analysis devices. Journal of Esthetic and Restorative Dentistry 2023; 35(5): 735–744.
- Ignident GmbH: DMD-System, Produktinformation (ignident.com, abgerufen am 07.11.2026).
Sie messen mit DMD und möchten Aligner oder Schienen auf Basis Ihrer Daten fertigen lassen?
Auftrag anfragen